Lesebühne

Was früher mit dem beruhigenden Bild der Märchenoma oder des Märchenopas stimuliert wurde, erregt heute nur noch Interesse, wenn biedere Schriftsteller anfangen ihre Bestseller auf Messen oder in kleinen Festsälen vorzutragen. Dass es für das Prädikat Bestseller nur eine Auflage von 3000 verkauften Exemplaren benötigt, ist genauso uninteressant und belanglos wie die wiederkehrenden Geschichten der literarischen Weltstars. Denn wie in der Pop-Musik bestimmt in der Pop-Literatur die Form der Aufmachung den vermeintlich innovativen Inhalt.

Wer zu stolz oder schlichtweg zu unfähig ist, sich dem Mainstream zu fügen, wird bei wenig Selbstwertgefühl Poetry-Slammer oder gibt sich auf Lesebühnen zumindest der Illusion hin literarisch gehaltvolle Texte vorzutragen. Dennoch bringt dieses Format, fernab von all den Mode-Schillern [den] und Wunderschreibern, einen Hauch Romantik und Geborgenheit zurück. Hier wird noch unabhängig von Kapital und Korruption für das gemeine Volk gelesen. Thematisch ungebunden wie all die losen Seiten der Autoren, avancieren die Texte zwar mehr dem eigenen Ego als dem breiig faden Geschmack des durchschnittlichen BILD-Lesers, aber dafür werden die Zuhörer eben wie ihre verschriftlichten Gedanken selten mal geleimt. Ob Avantgarde oder alltagsnah, zumindest gibt die Lesebühne einen Einblick in das Alter Ego gescheiterter Existenzen. Sigmund Freud lässt grüßen.